Dr. Tessa F. Rosebrock - Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Einführung in die Ausstellung
2012/13
bei ART + CON - Hella H. Beurich - Heidelberg
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Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie zur Ausstellung GUNDULA BLECKMANN - MALEREI in den Kunsträumen von Hella Beurich. Für die Einladung in diesem Rahmen sprechen zu dürfen, möchte ich mich herzlich bedanken.
Die Aufgabe einer einführenden Rede in eine Kunstausstellung ist es, den Besuchern das Werk des präsentierten Künstlers näher zu bringen. Es geht darum, Sensibilitäten zu schärfen, Aufmerksamkeiten zu lenken, und dazu zu motivieren, eingehender hinzuschauen. Das eingehende Betrachten der Arbeiten von Gundula Bleckmann ist notwendig und lohnend. Nur wer sich ein wenig Zeit nimmt, um sich auf die Formen dieser auf den ersten Blick still anmutenden Malerei einzulassen, wird ihren Zauber erfahren und hinter ihr Geheimnis kommen.
Wieso Geheimnis, werden Sie jetzt sicher fragen.
Gerhard Richter hat einmal gesagt: „Wenn ein Bild gleich auf den ersten Blick alles preisgibt, was in ihm steckt, dann brauche ich es nicht mehr zu malen.“ Diese Aussage hätte auch von Gundula Bleckmann stammen können, und sie bedeutet im Umkehrschluss, dass ein gutes Gemälde in gewisser Weise uneindeutig sein sollte. Denn nur dadurch wird unser Interesse geweckt und wir nehmen uns Zeit zur Auseinandersetzung, in der Hoffnung, die Uneindeutigkeiten zu entschlüsseln.
In allen hier präsentierten Arbeiten, die zwischen 2003 und 2012 entstanden sind, geht es um Körper respektive Formen und ihr sorgsam auspenderiertes Verhältnis zu der sie hinterfangenden Fläche. Vordergründig scheint man es mit geometrischer Abstraktion zu tun zu haben, doch bei genauem Hinsehen wird schnell klar, dass die dargestellten Formen eher organisch motiviert sind. Sie sind Ergebnisse eines langwierigen Ringens, eines Suchens innerhalb des Malprozesses. „Erst wenn ich eine Form gefunden habe, die ausreichend Kraft in sich selbst birgt, reicht das für ein Bild“, sagt Gundula Bleckmann.
Doch wie findet sie diese Formen?
Gundula Bleckmann hat eine große Affinität zur Plastik. Ihre Technik ist aufbauend, zugebend, gestaltend. Dabei ist sie zu Beginn eines neuen Bildes meist ohne konkrete Idee.
Auf der Suche nach einem Bildmotiv verstreicht sie Farbe auf der Leinwand. Mit Spachtel oder Pinsel trägt sie Farbmasse aus Eitempera auf – Schicht um Schicht. Diesen Vorgang wiederholt sie so lange, bis sie in dem bearbeiteten Untergrund Linien erkennt, die ihr eine Form anbieten. Diese fördert sie dann, gibt ihr die Chance zu entstehen. Sie legt sie frei, gestaltet sie aus, wie ein Bildhauer, der die von ihm antizipierte Skulptur nur noch aus dem Felsblock befreit. Schon Michelangelo sprach von dem Marmor den er nicht bestimmen könne, da er alle Form bereits in sich trägt.
Gundula Bleckmanns Malprozess ist also anfangs ein zugebender, und sobald die „richtige“ Form gefunden wurde, ein abtragender, zerstörender. Denn überschüssiges Material und zu erhaltene Form müssen voneinander getrennt werden. Jedem Werk liegt somit etwas wie ein Kampf zugrunde, und kein Bild ist fertig, bevor die Künstlerin nicht gewonnen hat. Sie baut sich ein Gegenüber auf, um es dann zu gestalten und letztlich zu bezwingen. Die Form generiert sich dabei immer nur im Verhältnis zu dem sie umgebenden Raum, der durch die Maße der Leinwand vorgegeben wird. Wahrscheinlich liegt hier auch der Grund weshalb Gundula Bleckmanns Medium die Malerei und nicht die Plastik ist. Beim freien Modellieren würde sie den definierten Raum vermissen, den es bedarf, um die zu ihm in Beziehung stehende, „richtige“ Form zu finden. In der sensiblen optischen Verquickung von Zwei- und Dreidimensionalität liegt ihre Stärke. Technisch betrachtet ist Bleckmann eine Plastikerin in der Fläche.
„Die gefundenen Formen müssen stimmen. Sie müssen besonders sein und sperrig.“ Das waren sie aber auch schon, die drei Angaben, die ich der Künstlerin über das „wie“ ihrer Formen entlocken konnte. Dass Formen stimmen müssen, ist erstmal eine seltsame Aussage. Doch in letzter Instanz spiegeln alle ihre Bilder Gundula Bleckmann selbst – ihr Inneres – weshalb auch nur sie entscheiden kann wann eine Malerei vollendet ist. Jede Arbeit ist mit einem persönlichen Anliegen gefüllt, ist eine Behauptung, eine These. Dabei ist es für den Betrachter nicht zwingend notwendig, diese Thesen 1:1 deuten zu können. Doch mit dem Wissen, dass die Künstlerin uns durch ihre Formen etwas mitteilen möchte, können wir uns auf Interpretationsreise begeben.
Also lassen Sie es uns probieren:
Unser Auge wandert über eine Leinwand. Der Wechsel zwischen den Bildebenen wird durch ein enges, chromatisches Farbspektrum erleichtert. Die konsequent beinahe aber eben nie gänzlich geometrischen Objekte stehen vor ihrem konsequent beinahe aber nie tatsächlich homogenen Hintergrund. Die verschiedenen Schichten der Eitempera schimmern oft noch durch den letzten Farbauftrag hindurch und bestimmen dadurch maßgeblich die Bildwirkung.
Einige Formen scheinen vor ihrem Hintergrund zu schweben. Es entsteht der Eindruck als hätten sich die verzogenen Ovale, die angeschnittenen Rauten, Kreise und Quadrate vom Bildträger abgelöst, als hingen sie an einer Schnur davor. Die jeweilige Blickrichtung des Betrachters beeinflusst ihre optische Bewegung. Dies geschieht ohne jeglichen Einsatz von Mitteln des Illusionismus, wie Schatten oder Umrisszeichnungen, sondern nur durch die besondere Plastizität, die die Malerin ihren Formen gibt. Bei diesen speziellen Arbeiten konzentriert sie sich maßgeblich auf den imaginierten Zwischenraum, und durch die reliefartige Oberflächenstruktur der Gemälde wird der Eindruck der Distanz zwischen Form und Fond intensiviert.
Da die in der Ausstellung versammelten Bilder aus einer längeren zeitlichen Periode stammen, möchte ich abschließend noch einige Worte zur Entwicklung in Gundula Bleckmanns Werk verlieren.
Während die frühen Arbeiten plastischer und rauher waren, werden die jüngeren flacher. Und im gleichen Maß wie ihre Plastizität abnimmt, nimmt die Farbigkeit der Bilder zu. Ihre ersten Gemälde waren ausschließlich in Schwarz und Weiß gehalten. Danach schloss sich eine Phase der Ton-in-Ton-Malerei an. Heute malt sie vorwiegend bunt. Das Gemälde “Rechts und links der Scheidewand“, mit dem Sie im Eingangsbereich begrüßt wurden, strahlt in leuchtendem Orange. Es ist das jüngste der hier versammelten Werke (2012) und konterkariert durch seinen Titel sein konstruktiv-konkretes Erscheinungsbild.
Trotz dieser Entwicklung zu mehr Farbe und weniger Haptik sind Gundula Bleckmanns Werke keine Hard Edge Malerei, wie etwa die von Ellsworth Kelley oder Bridget Riley. Man sieht deutlich, dass sie sich mit diesen Positionen auseinandersetzt, doch gibt sie ihre eigenen Formen nicht abgezirkelt und scharfkantig wieder, sondern folgt beim Malen ihrer Hand und Intuition. Darstellung und Hintergrund stehen dabei nie gegeneinander. In ihren Bildern sehen wir ein Miteinander von Form und Fläche – eine spannungsvolle, aber immer harmonische Beziehung, die sich auch in den gewählten Farben widerspiegelt.
Ich wünsche Ihnen jetzt noch viel Freude beim genauen Betrachten der Gemälde und ich hoffe, dass sich anregende Gespräche entwickeln, wenn Sie meiner Aufforderung zu individuellen Interpretationen nachkommen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !
Heidelberg am 10. November 2012